Würden Sie für besseren Datenschutz bezahlen?

In einem Vortrag für das Fair Data Forum habe ich mich mit der Frage auseinandergesetzt «Welchen Wert hat Datenschutz für Individuen und was sind Sie bereit dafür zu bezahlen?» (Download).

Wie immer gibt es nicht das eine «Individuum», sondern jeder hat unterschiedliche Datenschutz-Präferenzen und für jeden hat Datenschutz einen anderen Stellenwert. Um die Individuen dennoch zu klassifizieren, gibt es verschiedene «Typologien». Westin unterscheidet z.B. zwischen Datenschutz-Fundamentalisten, Datenschutz-Pragmatikern und völlige Unbesorgten. Sheehan hat 2002 889 Personen in den USA repräsentativ ausgewählt und mit einem Fragebogen klassifiziert. Fazit: 16% sind völlig unbesorgt, 81% sind Pragmatiker und 3% sind Fundamentalisten.

privacy typology

Zur Frage, was die unterschiedlichen Typen konkret bereit sind für Datenschutz zu investieren oder umgekehrt an Datenschutz aufzugeben wurden zahlreiche Experimente durchgeführt. In diesen wird die “Willingness to Accept” oder die «Willingness to Pay» analysiert. Willingness to Accept bedeutet: was muss mir für die Herausgabe meiner Daten geboten werden (Meine Daten gegen Geld bzw. weniger Datenschutz). Die Willingess to Pay untersucht, wieviel der einzelne bereit ist für den Datenschutz zu zahlen (Mein Geld gegen Datenschutz bzw. mehr Datenschutz).

Ein Experiment mit 3000 Studierenden einer US-Universität aus dem Jahr 2017 kam zu dem Schluss, dass eine Pizza als Anreiz zur Preisgabe der E-Mail-Adressen von drei Kommilitonen genügte (Willingness to Pay). Umgekehrt waren die Studierenden selten bereit einen kleinen Mehraufwand für mehr Datenschutz in Kauf zu nehmen (Willingness zu Accept). Sie hatten die Auswahl zwischen verschieden sicheren Bitcoin-Wallets und viele Studierende wählten lieber das zufällig zuerst präsentierte Wallet anstelle des sichereren, d.h. kein Mehraufwand für den Datenschutz und somit mutmasslich auch keine Zahlungsbereitschaft.

studie1

Zum einem anderen Ergebnis kommt ein 2011 publiziertes Experiment in der Stadt Pittsburgh, USA. Es wurde die Willingness to Pay untersucht. Dort wurden 272 Teilnehmer in der Bevölkerung rekrutiert. Von diesen wurden 12.5% aussortiert, die keinerlei Datenschutzbedenken hatten. Die verbliebenen Teilnehmer erhielten etwas Geld und durften in einem Labor einkaufen. Mittel einer eigenen Suchmaschine sollten sie einen geeigneten Anbieter für a) Batterien (Wenig Datenschutzbedenken) und b) Sexspielzeug (Grosse Datenschutzbedenken) aussuchen und dort einen Artikel kaufen. Die Ergebnisse wurden in Form einer Liste präsentiert, die auch den Preis darstellte. Manchen Teilnehmer wurde allerdings in der Liste noch ein Datenschutz-Rating des Verkäufers präsentiert (z.B. 4/4 Sterne oder 1/4 Sterne.). Fazit: viele Teilnehmer entschieden sich für einen Verkäufer mit besserem Rating und waren bereit dafür im Schnitt mehr Geld zu bezahlen. Die Ergebnisse konnten in zwei weiteren Studien repliziert werden.

studie2

Ein drittes Experiment wurde im Jahr 2013 publiziert, in dem ebenfalls die Willingness to Pay untersucht wurde. In einem US-Supermarkt für Damenbekleidung wurden zufällig 349 Frauen für eine Befragung zum «Ausgabeverhalten» befragt. Als Gegenleistung wurde eine Gutscheinkarte angeboten, mit der die Partizipantinnen in beliebigen Geschäften einkaufen konnten. Es wurden jedoch zwei Arten von Gutscheinkarten angeboten: eine anonyme 10 Dollar-Karte (A) und eine 12-Dollar-Karte (B), bei der die Einkäufe nicht anonym waren, d.h. durch Dritte nachvollzogen werden konnten. Wenn die Teilnehmerinnen nach der Befragung zuerst die anonyme Karte gegeben wurde und erst später gesagt wurde, dass ein Wechsel auf die nicht anonyme Karte möglich wäre, wollten mehr als 50% die anonyme Karte behalten. Dies bedeutet, ihre Zahlungsbereitschaft für mehr Datenschutz lag bei den 2 entgangenen Dollars für die nicht-anonyme Karte. Wurde die nicht-anonyme 12 Dollar-Karte zuerst ausgegeben und erst danach auf die anonyme Karte aufmerksam gemacht, wollten lediglich 10% auf die anonyme Karte wechseln. Dies deutet darauf hin, dass die Zahlungsbereitschaft stark davon abhängt, wie der Datenschutz angeboten wird (z.B. Reihenfolge der Präsentation).

studie3

Ein Fazit aus den drei Studien ist, dass die Zahlungsbereitschaft von verschiedenen Faktorebn abhängt. Es kommt sehr darauf an a) wer angesprochen wird aber auch b) wie dies passiert. Datenschutzsensitivere Individuen weissen vermutlich eher eine Zahlungsbereitschaft auf als insensitive Individuen. Viele Individuen werden jedoch in einer bestimmten Situation gar keine klare Datenschutz-Präferenz haben. Hier spielt dann eine Rolle, dass a) der Datenschutz-Mehrwert verständlich kommuniziert wird (z.B. über einfache Ratings oder eine «nicht nachverfolgbare» 10 Dollar Gutscheinkarte) und b) ob Datenschutz die Standardoption ist. Ist Datenschutz die Standardeinstellung, verzichten die Individuen unter Umständen auf Geld für die Aufgabe des Datenschutzes.

 

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